Aufrecht

Am letzten Abend des Jahres saß J. mit angezogenen Knien auf der Bordsteinkante und rauchte. Die Silvester-Party hinter ihr war bereits in vollem Gange. Auf der Straße war es still – noch eine Stunde lang, bis Mitternacht. Der Rauch der Zigarette stieg in den klaren Nachthimmel. Sie blickte herunter an das Ende der Straße und sah eine dunkle Gestalt, die alle paar Meter zwischen den Lichtkegeln der Straßenlaternen, wieder in der Dunkelheit verschwand. Ein ziemlich großer Kerl, der vermutlich noch rechtzeitig vor Mitternacht seine Party erreichen wollte.

J. schnippte ihre Zigarette weg und nahm einen Schluck Wodka aus dem Wasserglas neben ihr. Obwohl es ansonsten vollkommen still war und der Mann zügig näher kam, waren keine Schritte zu hören. J. atmete tief durch die Nase und hatte kurz den Eindruck, als röche es nach vergorenem Bio-Müll. Aber das konnte bei den eisigen Temperaturen wirklich nicht sein. Der Typ war jetzt noch zwei Lichtkegel weit entfernt. Seine Körperhaltung war gebückt und seine riesigen Füße waren bei jedem Schritt deutlich nach außen gedreht. So gehen eigentlich nur Männer, die Chemie studieren und bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr bei Mutti wohnen – so lange bis sich Frauen, deren Träume im Laufe ihrer ersten Ehe an der Realität zerschellten, erbarmen und sich ihrer annehmen. Die Gestalt trat aus der Dunkelheit in den Lichtkegel, in dem auch J. saß und grinste breit.

Es war das Schicksal, dessen fauliger Gestank machte, dass J. die Augen zusammenkneifen und unwillkürlich durch den Mund atmen musste. Es war deutlich größer als zwei Meter und hatte fleischige Schultern. Sein erstaunlicher Bierbauch wurde gerade so von einem grauen Trenchcoat bedeckt und die braunen Lederschuhe waren nach außen ausgetreten. Sein mit einem staubigen Hut bedeckter Kopf hatte Franz-Josef-Strauß-Format und das sackförmige Kinn lag auf einem weißen Seidenschal mit geldstückgroßen, lila-farbenen Punkten. Das Atmen fiel dem Schicksal ob seiner immensen Körpermasse sichtlich schwer und es stieß riesiger Mengen verbrauchten Atems aus, der sich nicht etwa weiß, sondern gelblich-grün in der Abendluft niederschlug. Das fettige, mit Pusteln und Pickeln überzogene Gesicht war rot angelaufen. Das Schicksal sah J. aus kleinen braunen Schweineäuglein an und reichte ihr seine haarige Riesenhand. Im Licht der Laterne starrte J. wie gebannt auf die viel zu lange nicht mehr geschnittenen hornigen Fingernägel und den klobigen, in Gold eingefassten Lapislazuli an seinem Ringfinger.

„Komm. Tanz mit mir“, grunzte das Schicksal.

„Nie im Leben“, erwiderte J. und kippte den Rest des Wodkas in einem Zug herunter. Der Alkohol verteilte sich wohlig in ihrem Magen und übertünchte für einen Augenblick den faulgasigen Gestank des Schicksals.

„Komm. Lass uns tanzen.“

„Was soll’s? Warum eigentlich nicht?“, dachte J. und streckte dem Schicksal ihre Hand entgegen. Aus dem Haus hinter ihnen drangen das Lachen der Partygäste und die letzten Akkorde eines belanglosen Gute-Laune-Songs. Das Schicksal zog J. auf ihre Beine und griff ihre rechte Hand und schwang seine rechte Hand gekonnt um ihre Hüften. Es drückte sie fest an seine mit Bratensoße und Rotwein bekleckerte Brust. Nach anfänglichem Unbehagen wurden ihre Schritte immer leichter und der faulige Geruch verschwand. Vom Schicksal ging eine ganz besondere Körperwärme aus, die J. im tiefsten Inneren berührte und beruhigte.

You never close your eyes anymore when I kiss your lips
And there’s no tenderness like before in your fingertips
You’re trying hard not to show it but baby baby I know it
You’ve lost that loving feeling oh oh that loving feeling
You’ve lost that loving feeling now it’s gone gone gone

J. legte ihren Kopf an seine Schulter und schloss die Augen. Sein fusseliger Bart kitzelte ihre Wange. Für einen Moment war alles so wie es sein sollte. Als die letzten Töne verklangen, trat das Schicksal einen Schritt zurück und verbeugte sich.

„Vielen Dank, Mademoiselle.“

„Ich danke“, dachte J. und starrte das Schicksal an.

Dann öffnete das Schicksal seinen versifften Mantel und zog etwas, das aussah wie ein in Geschenkpapier eingewickelter Regenschirm daraus hervor.

„Hier. Ein Geschenk.“

„Für mich?“

„Sicher für dich. Stör dich nicht am Papier – das hatte ich noch von Weihnachten über.“

J. streckte ihren Arm aus und nahm das schmale und etwa einen Meter lange Päckchen entgegen. Das Schicksal griff ihre Hand, zog sie an sich, küsste – mit Lippen feuchter und heißer als ein tropischer Regenwald zur Mittagszeit – ihren Hals und verschwand im Dunkel zwischen den Lichtkegeln.

J. setzte sich mit dem Päckchen, das sie an den Geruch eines gerade mit lauwarmem Wasser ausgespülten Schlachthauses erinnerte, zurück auf die Bordsteinkante. Sie zündete sich eine Zigarette an und öffnete vorsichtig das Geschenkpapier.

Zum Vorschein kamen nach und nach vierunddreißig aneinandergereihte und von zum Teil noch blutigem Seperatorenfleisch zusammengehaltene ringförmige Knochen. Oben und unten hing aus der Wirbelsäule das frische Rückenmark heraus. J. blies den Qualm ihrer Zigarette in die Luft und blickte zutiefst zufrieden in den sternenklaren Nachthimmel.

Ich wünsche allen ein exorbitantes, kreatives, glückliches und gesundes 2012. Und: Möge uns das Schicksal Rückgrat schenken!

 

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