Fünfunddreißig

Als J. die Augen aufschlug, war es draußen noch vollkommen dunkel. Die letzten Sterne verblassten am Himmel und eine Drossel kündigte unmotiviert den Morgen an. Es war kalt und eigentlich eine gute Gelegenheit, weiter zu schlafen. Aber diese Zügellosigkeit wollte sie sich nicht zugestehen. Sonst nicht. Und heute nicht. J. stand auf, schlurfte in die Küche und brühte einen Kaffee auf. Die Katze saß kerzengeraden und mit weit aufgerissenen Augen auf dem Herd und wartete darauf, gefüttert zu werden. Nach der zweiten Tasse Kaffee wurde es langsam heller, jedoch nicht wärmer. J. ging ins Bad, nahm eine heiße Dusche und zog sich an. Vor dem Fenster wartete ein Regentag im Dezember. Und ihr fünfunddreißigster Geburtstag.

Nach der dritten Tasse Kaffee und ein paar Seiten Murakami beschloss J., in die Stadt zu gehen. Heute war ihr freier Tag und bestimmt waren an einem Mittwoch nicht viele Menschen unterwegs, die ihr mit ihrem grauenhaften Konsumgebaren die Verkommenheit der Welt vor Augen führen konnten. J. schnappte sich ihren Mantel und zog die Wohnungstür hinter sich in Schloss.

Obwohl die Geschäfte erst seit wenigen Minuten geöffnet hatten, war das Gewusel in den Straßen bereits unerträglich. Stimmen sprachen, schrieen und kreischten. Menschen drängelten, schubsten und glotzen. Rentnerschwemme. Mütterschwemme. Christenschwemme. J. hatte das Vorweihnachstsgeschäft deutlich unterschätzt. Sie richtete den Blick starr nach vorn, atmete tief durch und teilte mit zügigen Schritten die Menschenmassen. Nur mit größter Anstrengung und Disziplin gelang es ihr, sich in eine der kleinen Seitengassen am Rande der Altstadt zu retten. Vom Leben draußen verfolgt, schlüpfte sie in ein kleines Zoogeschäft am Ende der Straße.

Das Innere des Lädchens war sparsam beleuchtet. Die Wände waren mit dunklem Holz verkleidet. Die blasse und grauhaarige Frau hinter der Registrierkasse lächelte freundlich als sie J. sah. Kunden waren offensichtlich keine da. Auf der linken Seite standen ein paar Aquarien mit Guppys und Goldfischen. Auf der rechten Seite befanden sich hell beleuchtete Terrarien mit Hamstern, Hasen, Meerschweinchen und Mäusen. Zwischen den Regalen mit Tierfutter führte ein Gang in den hinteren Teil des Ladens.

„Sehen Sie sich in Ruhe um“, sagte die Frau hinter der Kassentheke.

„Danke“, erwiderte J. und ging den Gang entlang. Hier war es warm und duftete nach frischem Heu. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Sie erinnerte sich an den Sommer.

„Ach ja… Erinnerungen. Wenn wir sie nicht hätten, wäre es übel.“

J. öffnete die Augen und sah sich um. Niemand war zu sehen.

„Ich gehe soweit zu behaupten, dass allein die Erinnerungen – diese endlosen Regale in der Bibliothek unserer Hirne – das Leben lebenswert machen.“

J. sah sich noch ein Mal in alle Richtungen um. In der hintersten Ecke entdeckte sie ein großes Terrarium. Es war purpur beleuchtet. Mitten darin saß eine imposante Schildkröte mit moosbewachsenem Panzer und starrte J. an.

„Guck nicht so. Ich bin fest davon überzeugt, dass es so ist. Und ich weiß, wovon ich rede.“

„Sprichst du mit mir?“, J. sah sich suchend um, „Ich meine: Du sprichst?“

„Sicher doch“, antwortete die Schildkröte gelangweilt, „Was denkst Du denn? Du denkst wohl, ich sei eines dieser batteriebetriebenen Hightech-Spielzeuge, wie? Aber nein. Ich bin eine waschechte Halsberger-Schildkröte. Cryptodira. Guten Tag.“

„Guten Tag… äh…“

„Wo waren wir? Ach ja. Erinnerungen“, die Schildkröte schien zu lächeln, „Hast Du mal darüber nachgedacht, dass Zeit mehrdimensional und die Erinnerung das einzige Bindeglied zwischen den Dimensionen ist?“

J. starrte die Schildkröte an. Diese fuhr unbehelligt fort: „Erinnerungen halten nicht nur die Vergangenheit am Leben und bestimmen den Ort, den uns die Gegenwart zugesteht – sie formen auch unsere Erwartungen an die Zukunft.“

J. sah sich hektisch um und suchte die holzvertäfelte Decke der Zoohandlung nach Überwachungskameras ab.

„Das Bonus-Level sind im übrigen unsere Träume. Sie verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und mischen die Komponenten neu. Als vierte Dimension der Erinnerung versehen sie den dreidimensionalen Raum mit versteckten Türen und Tunneln, die zu beliebigen Stellen des Zeitstrahls führen können.“

„Wer oder was bist Du?“

„Habe ich doch schon gesagt: Cryptodira – eine Halsberger-Schildkröte. Du willst wissen, ob ich einen Namen habe? Lass mich nachdenken. Ich hatte schon viele in meinem fast tausendjährigen Leben. Am häufigsten hieß ich wohl Grete. Vielleicht nennst Du mich einfach so.“

„Tausend Jahre?“

„Ja. Wie alt bist Du?“

„Fünfunddreißig. Heute ist mein Geburtstag.“

„Na, herzlichen Glückwunsch! Sehr beeindruckend!“, sagte Grete, verdrehte leicht genervt die Augen und leckte sich mit ihrer fleischig rosafarbenen Zunge über ihr prähistorisches Maul, „Wusstest Du, dass Schildkröten so langsam alt werden, dass man sich bis heute nicht vollkommen sicher sein kann, dass sie überhaupt altern?“

„Ja, aber ihr müsst sterben.“

„Ja, weil wir ermordet oder krank werden. Jedoch nicht weil wir altern.“

„Aber auch Eure Zeit ist natürlich begrenzt“, parierte J. und wunderte sich schon gar nicht mehr darüber, dass sie mit einer Schildkröte sprach.

„Ist sie nicht. Wir sind fruchtbar bis ins hohe Alter. Je älter wir werden, desto fertiler sind wir. Wir legen Eier ohne Ende. Es geht immer weiter. Wir sind gesund und lebensfroh, wenn man uns lässt. Hast Du mal in Erwägung gezogen, dass Zeit möglicherweise gar nicht natürlich begrenzt ist?“

„Nein.“

„Wer weiß denn, ob wir nicht schon seit tausenden von Jahren in diesem Laden stehen und uns unterhalten? Denk mal drüber nach. Und komm ein bisschen näher. Ich habe ein Geburtstagsgeschenk für Dich.“

Wie paralysiert trat J. an das Terrarium heran. Es hatte keinen Deckel und das purpurfarbene Licht fiel in langen seidigen Strahlen auf den Linoleumfußboden. Grete schloss die Augen. Sie schnaufte und schob ihren faltigen Hals unter der Öffnung ihres knorpeligen Panzers mehrmals vor und zurück.

„Ahhh…“, stöhnte Grete. Aus dem hinteren Teil ihres Panzers fiel ein etwa walnussgroßer schwarzer Stein, „Bitte – für Dich.“

J. griff in das Terrarium und nahm ihn vorsichtig heraus. Er war tiefschwarz. Seine Oberfläche war glatt und glänzte im Licht der Terrariumbeleuchtung. Er war absolut perfekt. J.’s Herz schlug auf einmal  wie wild in ihrer Brust. Im  Angesicht vollkommener Schönheit fiel ihr das Atmen schwer.

„Er ist wunderschön. Er ist perfekt“, presste  sie heraus. Tränen schossen ihr in die Augen und ihre Hände zitterten, „Was um alles in der Welt ist das, Grete? Ist das ein Obsidian? Oder ein Onyx?“

„Nein, meine Liebe“, sagte Grete und es sah wieder so aus als ob sie lächelte, „Das ist Schildkrötenkacke. Du solltest wissen: Nicht nur Zeit ist relativ.“

2 Kommentare

  1. …..da hast du dich also heute rumgetrieben…..”O” Super Story und absolut nachvollziehbar! ;-) Hoffe du hast einen schönen Tag gehabt und nun noch ein schönen Abend – wie wäre es denn mal mit Suki Yaki ende der Woche?
    Fühl dich ganz doll umarmt…..***happy birthday*** :)

Hinterlasse eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.

*